Abenteuer kann man nie genug haben

Du entscheidest dich für einen Survivalurlaub. So richtig mit Gaskocher und selbstgefangenem Fisch und nicht täglich duschen und du schläfst im Auto. Draußen quasi. Im Dunkeln. Wäre doch witzig, wenn du eine Stunde vor Abfahrt deine Periode bekommst. So richtig mit Schmerzen und viel Blut, sodass du ständig eine Toilette in der Nähe haben solltest. Und das schlimmstenfalls für eine gesamte Woche. Nicht etwa nur Klopapier und einen Busch irgendwo im Wald. Stell dir vor, du kannst erst nach drei Tagen duschen. Diesen Gedanken kannst du kurz verdrängen, wenn du morgens gegen 06:30 Uhr am Strand in Dänemark erwachst. Die Sonne scheint für den Mai unheimlich warm. Ein Bad im Meer würde deiner Hygiene gut tun. Aber die Wassertemperatur spricht eine ganz andere Sprache. Sobald du auf der Fähre nach Norwegen einen Platz gefunden hast, fragst du dich, warum die 5-köpfigen Familien immer in deiner Nähe sitzen. Die Eltern, die lieber mit dem Handy spielen, als ihre plärrenden Kinder zu bändigen. Du hoffst, dieser Hölle schnellstmöglich zu entkommen und zählst die Sekunden bis zur Ankunft. Beim sehnsüchtigen Blick auf die Uhr bemerkst du, dass dieses Schmuckstück an deiner Hand auch schon in die Jahre gekommen ist und außerdem ein Geschenk von diesem Ex, den du mittlerweile echt gefressen hast. Steh auf, geh raus ans Deck und wirf sie doch einfach ins Meer. Die Blicke der umstehenden Passagiere ist unbezahlbar.
Sobald du Norwegen erreicht hast, ein jahrelanger Traum also wahr wird, kannst du ja erstmal 2 Stunden Mittagsschlaf machen. Warum denn aus dem Fenster gucken, Berge und Seen gibts ja überall. Die erste Nacht verbringst du auf einer kleinen Insel irgendwo am Straßenrand. Weit und breit weder Klo noch Dusche. Hunger hast du auch. Im Kofferraum trockenes Brot. Als Teilzeitvegetarier kannst du jetzt ruhig angeln lernen, denn Essen gehört zu deinen Hobbys. Da du im Leben nie Glück hast, wirst du schon keinen Fisch töten. Oder du stichst deinen Haken direkt durch das Auge eines kleinen unschuldigen Fisches, von dem niemand satt werden könnte. Zweimal hintereinander. Auf der Matratze im Auto kannst du kaum schlafen vor Rückenschmerzen, aber mit dem Gewissen, dass du jetzt auch noch zweifache Mörderin bist, machst du gewiss kein Auge mehr zu. (Jedes Gefühl vergeht irgendwann) Zukünftig wirfst du die Angel zwar noch ins Meer, ziehst sie aber so schnell wieder rein, dass gewiss niemand dem Haken hinterherkommen könnte.

Für das ganz große Abenteuer empfehle ich ein Schlauchboot mitzunehmen. Am besten ein qualitativ hochwertiges. Von Lidl zum Beispiel, nicht zu günstig, für etwa 39,99€. Bedienungsanleitung unbedingt zuhause lassen. Diese ganzen Seile werden schon keine Verwendung haben. Wickel sie sinnfrei ums Boot und dann ab ins Meer. Spaßig ist es, wenn du Angst vor dem offenen Meer hast, eine sogenannte Thalassophobie. Schau weder nach links noch nach rechts, beim kleinsten Fisch könntest du in Panik ausbrechen. Lehn dich im Boot ruhig mal zurück und genieße das Zischen, welches dir signalisiert, dass ein wenig Luft aus deinem Boot strömt. Schwimmwesten dringend an Land lassen, panisch schwimmt es sich ganz leicht. Stell dir vor, plötzlich klingelt dein Telefon, welches du in einem wasserdichten Beutel hast (war im Preis von 39,99€ inklusive), dessen Reißverschluss bei der dritten Benutzung funktionsuntüchtig wird. Dein Personalchef ruft dich an und möchte mit dir über deine Kündigung sprechen. Er fragt, ob es dir gerade passt. „Ich sitze im Schlauchboot auf dem Meer in Norwegen, ich hab Zeit.“ Diese kurze Ruhepause am anderen Ende der Leitung wird dir eine amüsante innere Befriedigung verschaffen. Dann verhandelst du mit ihm, dass du nur noch drei Wochen arbeiten kommen musst und dann frei bist. Gute Nachricht, auch weil du lebendig und trocken an Land gekommen bist. Am nächsten Morgen freust du dich auf die erste Dusche, doch sie ist abgeschlossen. Inklusive Toilette. Du bist cool und abgebrüht und setzt dich einfach auf ein Klo an der Autobahn, ohne das Ding vorher mit Klopapier auszulegen. Sei mutig! Auch das ist geschafft ohne Pilz oder Infektionen. Aber eine Dusche muss wirklich sein. Also ab in eine große Stadt, ein feines Hotelzimmer belegt und eeeeewig duschen.

Am nächsten Tag lässt du dir ganz schnell ein Tattoo unter die Haut stechen, dass dich schmerzhaft immer wieder an die tolle Reise erinnern wird. Wichtig ist aber, dass du eigentlich pleite bist und am Tag zuvor gekündigt hast, das nächste Gehalt also noch außer Sicht ist.

Das einzige wirkliche Ziel, welches du auf dieser Reise hattest, ist ein Berg namens Preikestolen. Denn du liebst das Wandern. Entscheide dich aber, nachts aufzustehen, um den Sonnenaufgang dort oben sehen zu können. Power dich vorher nochmal richtig aus und miete dir ein Stand Up Paddle. Klar hast du immer noch Angst vor dem Meer, aber deine Winkearme haben so eine zweistündige Tour bitter nötig. Und mit Angst im Nacken, haust du wenigstens mal richtig ins Paddel. Um zu wandern brauchst du die Arme sowieso nicht.

Völlig erschöpft liegst du im Bett und schläfst nicht ein. Wecker steht auf 2 Uhr, aber diese Helligkeit, die die ganze Nacht anhält, schenkt dir höchstens 2 Stunden Schlaf. Traurig bist du darüber nicht, denn auch im Dunkeln hast du Todesangst. Vor allem im Wald morgens um 3 Uhr, wenn du wandern gehst. Deine Therapeutin wäre so unfassbar stolz, wie du dich deinen Ängsten stellst.
Du steigst nun auf diesen Berg in einer Zeit von 1.18 Stunden, obwohl man 2 Stunden benötigt, sammelst alle Spinnweben nach oben ein und denkst dir, du musst der erste Mensch dort oben sein. Bist du auch. Gleich nach dem Kerl, der oben auf dem Gipfel im Schlafsack liegt. Doch er verschläft den Sonnenaufgang, der einmaliger kaum sein könnte.

Nach so einer Woche würde nur noch fehlen, dass dir da oben jemand einen Heiratsantrag macht.

Ein Kommentar zu „Abenteuer kann man nie genug haben

  1. Und wieder hast du eine tolle Geschichte geschrieben. Nein du hast toll aus deiner Realität, von deinem Leben geschrieben. Du bist so erfrischend, so offen, so ehrlich. Ich mag es sehr, von dir zu lesen.

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