Auch heute brauche ich meinen Mut

Mutig bin ich seit Jahren. Ich habe keine Angst vor Veränderungen, keine Angst, einen Job zu kündigen, keine Angst, eine Beziehung zu beenden. Ich hatte keine Angst, zuhause auszuziehen.
Ich war 17, in der 13. Klasse, lebte bei meiner Mutter. Eines Tages eskalierten unsere Auseinandersetzungen. Ich fasste meinen Mut und sagte „Ich komme morgen nicht mehr nach Hause“. Mein Herz pochte durch sämtliche Kleidungsstücke. Ich hatte Angst vor Ihrer Reaktion, doch die Angst war unbegründet, denn da war keine Reaktion, sie schaute mich nicht einmal an.
Als ich wieder in meinem Kinderzimmer saß, dachte ich „Scheiße, jetzt hast du es gesagt, jetzt musst du´s auch durchziehen“. Vor ihr wollte ich niemals kneifen.
Am nächsten Tag nach der Schule stieg ich nicht in den Bus nach Hause sondern fuhr mit dem Zug zu meinem Freund. Von nun an lebte ich bei seiner Familie. Seine Mutter wollte sich absichern und rief bei mir zuhause an. Das Telefon war auf Lautsprecher gestellt. „Ich wollte Ihnen nur Bescheid sagen, dass Ihre Tochter bei mir ist.“ „Ok“
Da war es wieder. Diese Gleichgültigkeit.
Heute weiß ich, dass diese Gleichgültigkeit mich immer angetrieben hat. Ich habe immer versucht, eine Reaktion zu bekommen. Deshalb setzte ich alles in die Tat um, was ich mir in den Kopf setzte. Und das ist auch heute so geblieben.
Wie ich das herausgefunden habe? Meine Therapeutin hat mit mir diese Situationen aufgearbeitet. Seit Ende Juli mache ich eine Therapie. Und auch dieser Schritt hat mich großen Mut gekostet, dieses Mal tat ich es aber nicht, um eine Reaktion von meinen Mitmenschen zu bekommen sondern weil nach diesem Jahr und all den schrecklichen Ereignissen keine Zeit mehr zum Durchatmen war.
Mein Mut hat mich verlassen, das ist mir in den letzten Monaten sehr oft aufgefallen. Ich hatte viele Konflikte, hatte keinen Antrieb mehr, habe mich sehr verändert. Heute bin ich viel glücklicher, wenn ich meine Ruhe habe. Möchte gar nicht mehr alles mitbekommen, nicht auf jeder Hochzeit tanzen. Und das bin nicht ich.
Es gibt Tage, an denen alles schwarz ist. Morgen ist dann alles weiß, aber zu weiß.
Ich habe darüber mit niemandem gesprochen, weil ich dachte, „die halten mich doch für bescheuert“.
Dann kam da der Tod vom Sänger von Linkin Park und jemand sagte „Wieso bringt sich denn so jemand selbst um?“ Diese Frage hat mich so wütend gemacht. Ich merke einfach, dass heutzutage niemand über Depressionen spricht. Im Internet haben immer nur alle „so einen schönen Tag gehabt, „das tolle Wetter genossen“, bla bla bla. Wer weiß, wie vielen es so geht wie mir. Ich kann diese heile Welt irgendwie nicht mehr vortäuschen. Es fühlt sich falsch an, diese glücklichen Posts fühlen sich geheuchelt an. Ich habe in den letzten Tagen so viele Texte geschrieben und dann wieder gelöscht, weil sie keine Struktur hatten und auch, weil sie einfach nicht ehrlich waren.
Das zu schreiben, verlangt ziemlichen großen Mut, mehr Mut, als ich wahrscheinlich jemals aufbringen musste. Aber ich wünsche mir, dass man auch über so etwas sprechen kann. Dass sich niemand davor verstecken muss, mal schwach zu sein.

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