Mir doch egal, wenn der mal stirbt.

Sagt man so etwas über seinen eigenen Vater? Ich ja.

Mit fester und entschlossener Stimme, keiner anklingenden Träne und wenig Herz in meinen Augen kann ich sagen: “ Ist mir total egal, wenn mein Vater mal stirbt!“

Meine Eltern ließen sich scheiden, da war ich 3 oder 4 Jahre alt, viel zu klein um überhaupt zu verstehen, was da auch nur im Ansatz abgeht. Mein Vater sagte mir dazu „Als ich dich am letzten Tag in unserem Haus so ansah, habe ich in deinen Augen gesehen, dass du genau verstehst, was hier gerade passiert.“
Dieser Satz ist einer von vielleicht 5, die mir von ihm in Erinnerung geblieben sind. Mein Vater war weg, an seine Stelle rückten über die Jahre ein paar Männer. Als ich 12 Jahre alt war, kam Christian in mein Leben, welcher bis heute blieb und einen großen Teil meines „Vaters“ ausmacht. (Über ihn berichtete ich im Artikel „Lungenkrebs im Endstadium“). Mit 12 Jahren sah ich auch meinen leiblichen Vater zum allerletzten Mal und das auch nur aufgrund einer Bestimmung durch das Jugendamt, welche mir quasi vorschrieb, diesen mir fast unbekannten Menschen doch bitte alle 14 Tage zu besuchen. Ich denke, an meiner Ausdrucksweise ist zu erkennen, dass diese Treffen nicht zu meinen Liebsten gehörten. Nicht weil ich ihn nicht mochte, sondern weil es befremdlich ist, einen Menschen zu besuchen, den du die letzten Jahre nicht gesehen hast, der dir aber 50% deines Daseins geschenkt hat. Wie oft diese Treffen letztendlich stattfanden, hat mein Hirn wohl mit in die Schublade “ Komm, lass uns das mal verdrängen“ gesteckt, ich weiß es absolut nicht mehr. Nach dem ich aus Russland zurück war, verschwand mein Vater wieder aus meinem Leben, keine verklemmten Treffen, keine oberflächlichen Nachrichten mehr und zum Geburtstag gratulierte er mir über meinen Bruder “ Sag deiner Schwester alles Gute zum Geburtstag“.  Auch diese Glückwünsche verschwanden dann eines Jahres aus meinem Leben.

Er ist mir egal, ich hasse ihn, ich kenne ihn nicht, ich will von ihm nichts hören und wissen, er hat alles falsch gemacht, sich nie um mich gekümmert, er war nie für mich da.
Ich wusste bis vor kurzem nicht mal, wann er Geburtstag hat, warum auch? Ich wusste, es ist irgendwann im September.
Vor zwei Tagen habe ich ihm (wissentlich) das erste Mal gratuliert, ich habe ihm ein Foto von meiner Schwester und mir geschickt. Die Karte begann mit dem Satz „Deine zwei Mädels wünschen dir alles Liebe zum Geburtstag“. Jetzt kommt doch so etwas wie „vor allem viel Gesundheit“. Doch das konnte ich nicht aufschreiben.

Am 28. Juni 2017 bekam ich den Anruf, der mein ganzes Leben und Denken über meinen Vater auf den Kopf stellte. “ Dein Papa hatte einen Schlaganfall, er ist halbseitig gelähmt und liegt in Karlsruhe auf der Intensivstation“.
Diese Situation kannten Herz und Magen zu gut. Dieses Gefühl von Ohnmacht, stillstehender Zeit und den leeren Sekunden, bis die Nachricht in meinem Hirn ankommt. Es dauerte einen Moment bis ich realisierte, dass mein Herz grad zerbrochen ist.
Für meine Schwester und mich war klar, dass wir ihn sofort besuchen am nächsten Tag.

Ich erkannte ihn direkt wieder, nur sah er tot aus. Sein halbes Gesicht war gelähmt, er konnte nicht reden, nicht schlucken. Alles was er seit 12 Tagen tat, war aus dem Fenster starren oder weinen und das in der immer gleichen Position. Dieser Mensch war gefangen in seinem eigenen Körper.
Zum ersten Mal fiel mir auf, wie schön blau seine toten Augen waren.
Wir verbrachten zwei Stunden auf der Intensivstation, doch ich war nur 2 Minuten an seinem Bett. Ich habe geweint wie ein kleines Kind, hatte tausende Gedanken in meinem Kopf und eigentlich war der Kopf auch völlig leer.

In mir spielte sich immer das Szenario ab, dass wir uns wiedersehen und er dabei nicht nur gesund ist sondern natürlich auch mit mir reden kann. Dass er mir sagen kann, dass er mich liebt, stolz auf mich ist, dass es ihm leid tut. Nein, er konnte nur weinen und wollte wahrscheinlich unendlich viel sagen.

Mein Vater erlitt einen so schweren Schlaganfall, dass er nun in einem Pflegeheim leben muss und dort den Rest seines Lebens verbringen wird. Das wichtigste nach einem Schlaganfall ist, danach keine Zeit zu verlieren, was heißt Zeit, es geht um Minuten, um Sekunden. Mein Vater wurde in seiner Wohnung gefunden, nachdem er mehrfach nicht ans Telefon ging und die Polizei seine Tür aufbrach. Die Schäden, die während dieser langen Zeit in seinem Hirn verursacht wurden, katapultierten ihn in ein Leben, in dem er weniger kann als ein Neugeborenes.

Bei meinem letzten Besuch „klaute“ er mir meine Nase, so wie man es bei Kindern macht, um ihnen dann zu signalisieren, dass die Nase zwischen seinen Fingern steckt. Und während ich diesen Satz so schreibe, kann ich meine Tränen gar nicht halten.

Es geht ihm „besser“, er kann sich mehr bewegen, kann fast lachen. Er scheint meinen Humor zu haben, meine Ungeduld habe ich auch definitiv von ihm. Und plötzlich ist mir dieser fremde Mensch ganz und gar nicht mehr egal. Ich möchte am liebsten 24 Stunden mit ihm verbringen und ihn in seinem Rollstuhl spazieren fahren. Ich vermisse ihn so sehr wie noch nie.

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